Kawagutchiko


Ein letzter Ausblick von unserem Appartement in Tokio.

Wir hätten uns kaum einen drastischeren Bruch mit dem lauten Stadtleben von Tokyo aussuchen können als Kawagutchiko:
Wir stiegen aus dem winzigen Bummelzug aus, der 2 Stunden lang alle gefühlten 50 Meter an einem mikroskopischen Bahnsteig anhielt, um eine Ladung Schulkinder aus- eine andere Landung Schüler einzuladen und ein kleines Säckchen mit Post einzusammeln. Die Luft war herrlich frisch, die Sonne strahlte höchst motiviert, und gerade als sich die Bergidylle über uns senken wollte, hörten wir unsere Nemesis: Die Ampel am Bahnhofsplatz von Kawagutchiko. Irgendein sicherlich hoch dekorierter Japaner ist auf die Idee gekommen, die Rot und Grün Phasen mit einer Erkennungsmelodie zu untermalen. Das Resultat: Man stelle sich einen uralten Gameboy von Nintendo vor, den man an zwei dicke Verstärker gehängt hat. Das Ergebnis sind zwei einprägsame Piepston Orgien, die sich im 30 Sekunden Takt abwechseln.


Der malerische Bahnhof von Kawagutchiko. Gute Nacht, Hase. Gute Nacht, Fuchs.

Unter dem "Tüt tü tüt tut tüdüdeldü tüdeldüdü tüdüdeldü" der Ampel schleiften wir unsere schweren Rucksäcke zur Tourist Information, wo wir uns nach einer Übernachtungsmöglichkeit erkundigten. Natürlich gibt es nur zwei grundsätzliche Varianten: richtig teuer (um die 230-350? die Nacht) oder sehr preisgünstig. In Anbetracht der nicht ganz so prallen Kampfkasse meiner mitreisenden Freunde wurde die Jugendherberge gewählt.


Die belebte Eingangshalle der Jugendherberge von Kawagutchiko – Erst um 21:00 trafen alle ein.

Diese war beim Eintreffen ebenso menschenleer wie der gesamte Ort. Hätten wir unsere Reiseführer etwas kritischer gelesen, wäre uns schon vorher klar gewesen, das wir in genau den 4 Wochen zwischen dem Ende der Kirschblüte und dem Anfang der Fuji Wandersaison liegen. Da die Herberge stockdunkel war, betraten wir zögerlich das Foyer und riefen ein paar mal "Hello?" "Konitchiwa?". Irgendwann ertönte ein schlürfendes Geräusch und eine uralte Oba-san (Großmütterchen) begrüßte uns mit einem zahnlosen Grinsen. Da das Uni-Japanisch ihrem fiesen Gebirgsdialekt nicht gewachsen war, holte sie ihren nicht minder alten Gatten herbei, der zielstrebig die wichtigsten Schlüsselwörter "Member?" "Reservation" etc. heraus bellte. Generell werde ich nach diesem Urlaub jeden Spieleabend mit Pantomime dominieren, da ich hier meistens den Tanz der Tausend Hände aufführe, um aus meinem quasi nicht vorhandenen Japanisch und dem sehr schlechten Englisch der Japaner eine zielgerichtete Unterhaltung zu erstellen.


Noch nie in einer Jugendherberge gewesen? Ich bin tatsächlich der einzige JH Veteran in unserem Trio.

Das ist übrigens sehr lustig: Alle Japaner haben mehrere Jahre Englisch an der Schule, der Unterricht dort basiert aber rein auf Büchern. Deswegen verstehen die meisten Japaner geschriebenes Englisch gut, gesprochenes hingegen gar nicht. Ich habe mir schon überlegt, bestimmte wiederverwendbare Gesprächsbausteine auf Karteikarten zu schreiben, um sie den Leuten dann hin zu halten. Wenn man den Fehler begeht, es gleich auf Japanisch zu versuchen, gibt es auch hier kein Mittelmaß: Wer Konitchiwa sagen kann, versteht auch einen zwei minütigen Monolog in Maschinengewehrjapanisch. Ich liebe diese Menschen! Der japanische Drang zu Extremen ist etwas, worunter ich mitunter auch neige, und hier ist es ganz alltäglich. Hier wird sehr gern einem Ausrufezeichen noch ein zweites, drittes oder viertes spendiert. Ach und am besten zwei Meter groß!! In Pink!!! Und blinkend!!!!


Sehr bescheiden: Der Fuji ist der schüchternste Berg der Welt. Dieses possierliche Felsmassiv versteckt sich gerne hinter Nebel, Wolken oder Stromkabeln und ernährt sich von unvorsichtigen Touristen. Zur Paarungszeit markiert er sein Revier mit Seen aus flüssigem Gestein.

Nachdem wir den Basispreis für die Betten gelöhnt hatten, erkundigten wir uns nach den im Internet angepriesenen Zusatzleistungen : "Breakfast?" Stirnrunzeln, Grinsen, bedächtiges Kopfschütteln. "Aaaaah hai, so desu ka. No bleckfast." "Dinner?" Verständnisvolles Nicken "Hai, Dinnel! You like dinnel?" Wir nicken eifrig. "Ah, so desu ka! We no dinnel, sumimasen" Letzten Endes gaben wir uns geschlagen und gingen im einzig offenen Restaurant vor Ort, ein Inder, zum Abendessen.


Lake Kawagutchiko. Einer der fünf Seen, die sich im Norden an den Fuji schmiegen.

Dort waren wir die große Attraktion. Während Ich mir eine kleine Portion Curry bestellte, orderten Max und Andi zwei große Menüs. Obwohl sich die Japaner an den anderen Tischen große Mühe gaben, nicht aufzufallen, starrten sie immer wieder fassungslos an unseren Tisch, wenn für die hungrigen Gaijin die nächste Platte aufgefahren wurde. Als wir schließlich noch einen zweiten Tisch brauchten, um alles unter zu kriegen, brach großes Gelächter im Lokal aus.


Ein zweiter Tisch zum Auslagern für nur drei Gaijin: So was lieben die Japaner!

Da in unserer Herberge bereits um 2100 Zapfenstreich ist, fiel der erste Tag etwas kürzer aus als geplant, aber dieses skurrile alte Ehepaar war es Wert. Da verzeiht man auch die höflichen, ruhigen Westler-Touristen, die bis drei Uhr Morgens zumindest dem Lärmpegel nach mit Tischen geworfen haben und die Türen nicht einfach schließen konnten, sondern durch heftiges in-die-Angeln-schmettern zumindest mehrfachen versuchten Portalmord begangen haben. Aber gut – in welcher Jugendherberge ist das nicht so?

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