Packzeit

Konbanwa!
Wir schreiben den 01.04.2008, mein Name ist Stefan Wiedenmann, und ich habe noch 3 Tage, um die letzten Vorbereitungen für meine Reise zu treffen. Vor mir steht ein geräumiger Rucksack, der demütig auf seine Befüllung wartet. So gerne ich verreise, das Packen verabscheue ich zutiefst.


Da muss alles rein…

Das hat gleich mehrere Gründe: Zum einen wäre da die Tatsache, dass man viele Entscheidungen treffen muss, mit denen man dann leben muss. Man kann nicht einfach im Flieger aufspringen, die Hand an die Stirn klatschen und „Wieso habe ich Badelatschen dabei wenn ich klettern gehe!“ rufen. Also gut, man KANN es schon, aber bis auf ein mitfühlendes Lächeln einer alten Dame und „Wen interessierts Du Depp“ von den bereits im Flugzeug gut angetrunkenen Jugendlichen wird es nichts an der Tatsache ändern, dass man sich vor Ort nach dem nächsten Schuhgeschäft umschauen darf. Da ich ein Mensch bin, der sowohl in vertikaler wie horizontaler Richtung großzügig ausgelegt ist, kann das in Japan schon zu Problemen führen. Dort kann man sich die Unterwäsche zwar angeblich vom Automaten ziehen, aber ich bezweifle ernsthaft, ob ich da rein passe.
 
Dann ist da die Sache mit dem Aussuchen der Wäsche sowie deren optimales Zusammenlegen. Ich erfülle hier leider das Klischee des typischen IT-Angestellten: Ich bin bleichhäutig, habe eine total verkorkste Haltung durch das viele Sitzen, und einen Modegeschmack der jede Frau schreiend in eine Schlucht stürzen lässt. Meine absolute Traumfrau hat deshalb wohl Flugmembranen unter den Armen, um den Sturz zu überleben. Ab und an verzichte ich schwersten Herzens auf einen interessanten technischen Schnickschnack, um mir wieder ein paar Hosen zu kaufen oder einen plauzensicheren Pullover, aber bei der Auswahl greife ich zielsicher nach der Auslaufware oder erwische eine Verkäuferin, die am Vortag von ihrem Freund wegen einer Buchhalterin sitzen gelassen wurde und ihre entsprechenden Rachegelüste an mir auslässt. Da werden einem dann immer Fetzen angedreht, die sich bereits vor 10.000 Jahren der modebewusste Höhlenmann von Welt beschämt vom Leib gerissen hätte.


Meine wasserfeste Japan Karte. Da fällt mir ein dass ich keinen Kompass habe.

Egal, packen. Erfahrungen haben mich gelehrt, das Wäsche bei der Rückreise das etwa zehnfache Volumen hat. Dünne Hemden, die sich bei der Hinreise klaglos auf taschentuchgröße falten ließen, entpuppen sich am Tag vor der Heimreise als Drei-Mann Zelte, und bereits nach einem Viertel der Wäsche ist noch jede Menge Kleidung und jede Menge Mangel an Stauraum übrig. Deswegen empfehle ich jedem Reisenden, höchstens die Hälfte an verfügbarem Platz zu nutzen und sich mit kreativen Waschtechniken vertraut zu machen. Welch wonniger Anblick kann ein großer, flacher Fels an einem Fluß sein, wenn die Kleidung bereits hart genug ist, um damit sein Schnitzel weichzuklopfen. Auf die Herstellung von Seife (im Endeffekt Fett mit Asche verkochen) gehe ich an dieser Stelle nicht ein, da die Japaner laut meinem Reiseführer ein ausgesprochen reinliches Volk sind, wenn es ums Waschen und Baden geht.


Apropos Waschen, in den rechten Schuhen schwitzt man tierisch. Wie bringe ich die noch unter…

Nach den obligatorischen paar Hosen, ein paar Hemden sowie den verwegenen Socken (ich empfehle SEHR eine Tüte für frische und eine für gebrauchte, die man um Riechtests zu vermeiden beschriften sollte), Unterwäsche und allem anderen, das den Leib warm und bekleidet hält, ist das nächste der Kulturbeutel. An sich kann man solche Dinge gut vor Ort kaufen, aber meine treue Reisezahnbürste darf mir auch in Japan die Algen von den Zähnen schrubben. Dann noch bewährte Seife, Kamm, Zahnpasta (Wobei ich mir in Japan bestimmt eine Megapower Dreisternglanz Paste kaufen werde), Deo, etwas Duschgel und in meinem Geheimfach meine Reiseapotheke mit Kohletabletten, Aspirin, Verbandszeug und was zum Desinfizieren.
 
Nachdem ich von den winzigen Handtüchern in öffentlichen japanischen Bädern gelesen habe – dort trägt man zumindest in den von mir anvisierten heißen Quellen keine Badekleidung – stopfe ich lieber noch ein ordentliches Handtuch rein. In die Seitentaschen werden mein unverzichtbares Taschenmesser, zwei Feuerzeuge, Taschentücher, Nähzeug und diverse Netzeile samt Adaptersteckern verstaut. Die brauche ich für Laptop (zum schreiben), Handy (für Notfälle), Kamera (hat ein eigenes Akku Format) und den Rasierer. Den packe ich glaube ich gleich wieder aus, ein bisschen verwegen und verwildert darf man nach vier Wochen Reise aussehen, und lieber gut gewachsen als schlecht rasiert.


Ok, schlecht rasiert ist geschafft, aber das gut gewachsen…

Da ich immer ganz gerne meine Zeit damit verbringe, mir Land und Leute anzusehen, reichen meine Karten, der Reiseführer und noch zwei Bücher mit den ganzen Nebeninformationen, die einem im Umgang mit den Japanern bestimmt nicht von Nachteil sind. Oben drauf noch die Wanderschuhe, links daneben einen leichten Baumwoll-Schlafsack, und hinten noch eine Isomatte angehängt… Sieht doch schon super nach Reise aus. Der Rest wird vor Ort geregelt.
 
Das wichtigste – Flug- und Bahnticket, das Geld und die Kreditkarte – ist bereits in eine Tüte gewickelt in meinem Reisetresor verstaut, den ich auf meiner Haut an einer Stelle tragen werde, die auch der verwegenste Taschendieb eher meiden wird. Der einzige Wermutstropfen ist, daß ich bei all dem schönen Packen vielleicht auf mein Gepäck warten darf. Wie das bei mir so ist, fliege ich ausgerechnet über das Terminal 5 in Heathrow, das zur Zeit fleissig Schlagzeilen macht. Als ich bei der BA angerufen hatte, um mich nach eventuellen Schwierigkeiten zu erkundigen, teilte mir eine fröhliche Frau mit englischem Akzent mit, das ich wohl besser ein wenig Unterwäsche einpacken sollte. Frei nach dem Motto: „Sei froh wenn DU dort ankommst.“ War übrigens der perfekte Anlass mit meinem Vater noch ein gutes Bier zu trinken.

Ein bei Vollmond gebrauter Fastenbock. Sehr lecker!

Domo arigato gozaimasu an den geneigten Leser an dieser Stelle, denn den nächsten Eintrag wird es bereits von Unterwegs geben! Wenn ich ankomme. Wann auch immer!

Veröffentlicht in Japan, Reisen.

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